Die überarbeitete Capital Requirements Regulation (CRR) ist nun seit Juni 2019 in Kraft und beschäftigt die Bankenwelt. Neben der Einführung neuer Regularien wurden auch bereits bestehende Verfahren auf die aktuelle Situation der Finanzwelt neu abgestimmt. Unter anderem wurde die Methodik zur Berechnung des Gegenparteiausfallrisikos für Derivategeschäfte, der sogenannte Standard Approach For Counterparty Credit Risk (SA-CCR), in die CRR aufgenommen. Im Fokus der Aufsicht lag vor allem eine Erhöhung der Risikosensitivität durch die Berücksichtigung von Nettingvereinbarungen und risikomindernden Eigenschaften von Sicherheiten.

Der SA-CCR ist ab Juni 2021 verpflichtend anzuwenden und löst die bisherige Standardmethode sowie die Marktbewertungsmethode ab. Das neue Verfahren ist zwar deutlich risikoadäquater, gleichzeitig jedoch auch weitaus komplexer. Die Umsetzung stellt viele Institute vor große Herausforderungen. Zur Einhaltung des Proportionalitätsgedankens wurde daher zusätzlich ein simplified SA-CCR in die CRR aufgenommen und die Ursprungsrisikomethode, in überarbeiteter Form, in den Regularien erhalten. Welcher der drei Ansätze anzuwenden ist, ergibt sich aus der Höhe des Derivatevolumens des Instituts.

SA-CCR im Vergleich zur Marktbewertungsmethode: es wird komplex!

Risikopositionswert  =  α  *  ( RC  +  PFE )

So lautet die Formel des SA-CCR, wobei  α = 1,4, RC = Wiederbeschaffungskosten, PFE = potenzieller zukünftiger Risikopositionswert.

Auf den ersten Blick ähnelt der SA-CCR der bisherigen Marktbewertungsmethode. Allerdings sind die Werte nicht pro Position, sondern auf Nettingsatzebene zu berechnen. Bei der Ermittlung der Wiederbeschaffungskosten werden gestellte und erhaltene Sicherheiten sowie Nachschussvereinbarungen mit der Gegenpartei berücksichtigt. Ebenfalls neu ist die Einführung des Risikoaufschlags Alpha mit einem Festwert von 1,4 und die Berechnungsmethodik zur Ermittlung des potenziellen zukünftigen Risikopositionswerts.

PFE  =  Multiplikator  * ∑a AddOn(a)

Die PFE-Berechnung unterscheidet sich deutlich vom bisherigen Verfahren. Insbesondere die Ermittlung des Add-Ons, welcher bisher als aufsichtlich vorgegebener Wert aus einer Tabelle zu entnehmen war, hat sich mit dem neuen SA-CCR zu einer komplizierten Rechnerei entwickelt. Die Artikel 280a – 280f CRR geben dazu ein umfangreiches Formelwerk vor.

Add-On-Ermittlung – ein kurzer Einstieg

Der Add-On ist für die Kategorien Zinsrisiko, Fremdwährungsrisiko, Kreditrisiko, Aktienkursrisiko, Warenpositionsrisiko und sonstige Risiken (Art. 277 Abs. 1 CRR), jeweils unterschiedlich zu ermitteln. Als kurzen Einstieg in den Berechnungsablauf, versuchen wir die Methode an einem Beispiel für das Zinsrisiko zu visualisieren.

  • Zur Berechnung des Risikos nach SA-CCR werden die derivativen Geschäfte in die mit der jeweiligen Gegenpartei geschlossenen Nettingsätze „einsortiert“.
  • Innerhalb eines Nettingsatzes werden die Derivatepositionen entsprechend ihren wesentlichen/wesentlichsten Risiken sowie weiteren granularen Kriterien, unterschiedlichen Hedgingsätzen zugeteilt (Art. 277 a CRR).
  • In unserem Beispiel „Zinsrisiko/EURO“, erfolgt die Einteilung der Positionen entsprechend ihrer Laufzeiten in drei Buckets, < 1 Jahr, 1 – 5 Jahre und > 5 Jahre.

2020 01 sa ccr nettingsatz

  • Für die einzelnen Geschäfte werden nun deren Risikopositionswerte ermittelt und innerhalb des jeweiligen Buckets miteinander verrechnet.
  • Durch die anschließende Verrechnung der Buckets miteinander, ergibt sich der effektive Nominalwert des Hedgingsatzes.
  • Der effektive Nominalwert des Hedgingsatzes wird mit dem Aufsichtsfaktor-Koeffizient nach Art. 280 CRR und dem Aufsichtsfaktor für die Kategorie Zinsrisiko nach Art. 280a CRR multipliziert. Das Ergebnis ist der Add-On unseres Hedgingsatzes.
  • Durch Addition aller Add-Ons aller Hedgingsätze der Kategorie Zinsrisiko im Nettingsatz, wird der Add-On für die Kategorie Zinsrisiko im Nettingsatz ermittelt.
  • Die Summe der Add-Ons aller Risikokategorien, die dem Nettingsatz zugeordnet sind, bildet den Add-On für den Nettingsatz. Mit diesem wird nach vorstehender Formel der potenzielle zukünftige Risikopositionswert errechnet.

So weit, so gut. Doch wie werden die Derivate den Hedgingsätzen korrekt zugewiesen?

Mapping der Geschäfte auf Risikokategorien

Zur Berechnung des Add-Ons sind die Derivatepositionen Hedgingsätzen innerhalb der Risikokategorien zuzuordnen. Hierzu sind die wesentlichen und wesentlichsten Risikotreiber zu definieren. Einen Vorschlag zum Mapping der Geschäfte auf die entsprechenden Risikokategorien hat die EBA im Mai 2019 zur Konsultation gestellt. Den Final Draft hat sie am 18.12.2019 vorgelegt. Der Regulatory Technical Standard beschreibt drei Verfahren zur Identifikation der wesentlichen und wesentlichsten Risikotreiber pro Geschäft sowie darauf aufbauend, die Zuordnung zu den entsprechenden Risikokategorien. So gibt die EBA den unterschiedlich strukturierten Instituten entsprechend unterschiedliche Vorgehensmöglichkeiten an die Hand.

Unter Einbezug der Risikofaktoren (Art. 325l – 325q CRR), die die Cash-Flows des Derivates beeinflussen, werden zunächst alle Risikotreiber der Position ermittelt.

Für Derivate, die nur einen Risikotreiber aufweisen, ist das Mappingverfahren vergleichsweise simpel. Zum Zeitpunkt des Geschäftsabschlusses wird dieser Risikotreiber als wesentlich definiert. Die EBA geht derzeit davon aus, dass die Mehrheit der Derivategeschäfte über diesen Ansatz gemappt werden kann.

Für Geschäfte, die mehr als einem wesentlichen Risikotreiber unterliegen, bietet der RTS zwei Methoden zur Wahl.

Variante 1:

Zum Zeitpunkt des Geschäftsabschlusses werden die Add-Ons der Risikokategorien nach Art. 280a – 280f CRR berechnet, zu denen ein wesentlicher Risikotreiber identifiziert wurde. Anhand der Ergebnisse wird der wesentlichste Risikotreiber ermittelt.

Variante 2:

Die zweite Variante ist deutlich risikoadäquater. Die Ermittlung erfolgt unter Berücksichtigung der Volatilität, der Risikosensitivitäten und Gewichtungen nach Art. 325r und 325f Abs. 6 – 8 CRR und einem Vergleich der daraus resultierenden Gewichte der einzelnen Risikokategorien. Die Kalkulation ist bei Geschäftsabschluss und anschließend im vierteljährlichen Turnus durchzuführen.

Als Fallback-Lösung bietet die EBA einen dritten, konservativeren Ansatz an. Hier werden die Add-Ons jeder Risikokategorie berechnet, zu denen ein Risikotreiber erkannt wurde. Die Wesentlichkeit der Risikotreiber bleibt dabei außer Acht. Anhand der Add-On-Ergebnisse wird der wesentlichste Risikotreiber definiert.

Auswirkungen auf die Institute: mehr Aufwand und höhere Eigenmittelbelastung?

Der neue Ansatz zur Berechnung des Gegenparteiausfallrisikos ist deutlich risikoadäquater als seine Vorgänger. Eine valide Einschätzung der Auswirkungen auf die Eigenmittelunterlegung ist auf Grund der Komplexität der Berechnungen und der Frage, wie exakt deren Umsetzung in den Instituten stattfinden kann, jedoch schwierig. Derzeit zeichnet sich eine Erhöhung der Eigenmittelbelastung ab.

Aus technischer Sicht ist es zwingend erforderlich, den vorliegenden Datenhaushalt, die Anlieferung der Daten und die entsprechenden Schnittstellen auszuwerten und zu ergänzen. Im Kontext der iBS Meldewesen-Vorverarbeitung analysieren unsere Experten aktuell die notwendigen Anpassungsbedarfe. Erste Lösungsskizzen wurden mit Kunden und Meldetool-Herstellern in der Usergroup bereits diskutiert.

Neben der rein technischen Umsetzung sollten meldepflichtige Institute zusätzliche Aufwände für Datennachpflege und die Anpassung der betroffenen Geschäftsprozesse einplanen.

Bis zum Erstanwendungszeitpunkt des SA-CCR im Juni 2021 gibt es also noch viel zu tun. Wir unterstützen Sie gerne und freuen uns auf den Dialog mit Ihnen.

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